Über die Mett-Liebe der Deutschen

Wenn Espresso auf Mettbrötchen trifft

„Che schifo …“

Der junge Mann schüttelt den Kopf.

Er sitzt wie jeden Morgen auf der Terrasse unserer kleinen Landbäckerei. In der einen Hand hält er einen winzigen Espresso. In der anderen eine Zigarette. Er wirkt noch ein bisschen verschlafen.

Dann öffnet sich die Tür.

Ein Stammkunde kommt heraus.

In der Hand: ein halbes Brötchen. Dick mit Mett belegt. Obendrauf ein Berg roter Zwiebeln.

Der junge Mann schaut ihm hinterher, verzieht das Gesicht und sagt auf Italienisch:

„Come si può mangiare carne alla colazione?“ – Was auf Deutsch bedeutet: Wie kann man nur Fleisch zum Frühstück essen?  Eine Frage, die er sich jeden Morgen aufs Neue stellt.

Der junge Mann kommt ursprünglich aus Albanien. Er arbeitet als Barista in einem italienischen Restaurant ein paar Autominuten entfernt.

Deutsch spricht er kaum. Muss er auch nicht. Im Restaurant wird fast ausschließlich Italienisch gesprochen, und das beherrscht er perfekt.

Bevor seine Schicht beginnt, kommt er jeden Morgen zu uns.

Espresso. Schwarz. Stark. 

Und dann beginnt das Schauspiel.

Denn unsere Stammkundschaft frühstückt norddeutsch: Zwei halbe Mettbrötchen.
Rote Zwiebeln. Großer Pott Kaffee. So  muss das!

Für viele von uns ist das nichts Besonderes.

Für ihn dagegen ist es jedes Mal ein kleiner Kulturschock.

Er beobachtet die Menschen, schüttelt den Kopf und lacht. Wir lachen mit. Nicht über ihn, sondern über die Erkenntnis, wie unterschiedlich Gewohnheiten sein können.

Vorglühen mit Mett

Ich muss allerdings zugeben: Mein eigener Mett-Schock liegt noch gar nicht so lange zurück.

Vor einigen Jahren waren wir bei Freunden in Nordrhein-Westfalen zu einem Spanferkelessen eingeladen. Ganz in der Nähe der niederländischen Grenze.

Das Spanferkel drehte sich bereits auf dem Grill. Bis es fertig sein würde, sollten allerdings noch einige Stunden vergehen.

Doch die Gastgeber hatten vorgesorgt.

Ein befreundetes Paar aus der Nähe von Düsseldorf war ebenfalls eingeladen. Im Gepäck: zwei Kilo frisches Mett, mehrere Tüten Brötchen und ein Netz roter Zwiebeln. Alles frisch vom Fleischer ihres Vertrauens.

Ich dachte zuerst, sie hätten das falsche Essen mitgebracht.

Aber das war ein Irrtum.

Das Mett war nur die Vorspeise.

Das Spanferkel war der Hauptgang.

Andernorts überbrückt man Wartezeiten mit Gesellschaftsspielen. Hier überbrückte man sie mit Mett.

So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt.

Spätestens in diesem Moment wurde mir klar: Nordrhein-Westfalen ist Mettland.

Dort ist Mett nicht einfach nur ein Brotbelag. Es ist Haltung, Grundversorgung und offenbar auch eine vollkommen akzeptable Vorspeise vor einem ganzen Spanferkel.

Und dann wäre da noch der Kreis Mettmann.

Das reguläre Kennzeichen lautet dort ME. Wer zusätzlich die Buchstabenkombination TT wählt, fährt tatsächlich mit ME-TT durch die Gegend.

Und wenn die Person dahinter keinen Audi TT fährt, ist das vielleicht kein Zufall.

Vielleicht ist es einfach ein stilles Bekenntnis: zu echter Mett-Liebe.

Ob das wirklich so gemeint ist? Ich weiß es nicht. Aber jedes Mal, wenn ich so ein Kennzeichen sehe, muss ich schmunzeln.

Espresso trifft Mettbrötchen

Der junge Barista wird vermutlich nie verstehen, warum unsere Kundschaft morgens rohes Schweinefleisch auf ein Brötchen legt.

Und viele unserer Kunden werden wahrscheinlich nie nachvollziehen können, warum ein einzelner Espresso ein vollständiges Frühstück sein soll.

Müssen sie auch nicht.

Sie sitzen trotzdem jeden Morgen nebeneinander. Der eine mit Espresso.
Der andere mit Mett und einem Pott Kaffee.

Sie lachen miteinander, obwohl sie kaum dieselbe Sprache sprechen.

Und genau deshalb mag ich unsere kleine Bäckerei so sehr.

Wir verkaufen hier nicht nur Brötchen.

Wir bringen Menschen zusammen.

Übrigens hat durch den Fleischwolf gedrehtes Schweinefleisch in Deutschland je nach Region ganz unterschiedliche Namen. Im Norden und in Nordrhein-Westfalen heißt es meist Mett, anderswo Hackepeter oder Gehacktes. Und auf dem Bau wird es liebevoll Maurermarmelade genannt.

Schon an diesen Bezeichnungen merkt man: Essen erzählt immer auch etwas über Menschen, ihre Herkunft und die Gegend, in der sie zu Hause sind.

Gerade solche sprachlichen Unterschiede sind bei uns an der Theke oft der Anfang eines Gesprächs. Und manchmal auch der Anfang einer ganz persönlichen Geschichte.

Dafür braucht es nicht viel.

Manchmal reicht schon ein halbes Mettbrötchen mit roten Zwiebeln.

P. S.: Schnittlauch geht übrigens auch. Aber darüber scheiden sich bei unseren Stammkunden mindestens genauso die Geister wie in Italien an einem Cappuccino am Nachmittag.

Dort gilt der nämlich beinahe als kulinarische Todsünde. Ein Cappucino ist in Italien eine ganze Mahlzeit. Mehr über die Unterschiede zwischen deutscher und italienischer Kaffeekultur erfährst du übrigens in meinem Beitrag über Positionierung in bella Italia: Was italienischer Kaffee über klare Haltung verrät.

MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen – und dazwischen gibt es die eine oder andere Backstory aus unserer kleinen, feinen Landbäckerei. Achja, und ich mag Franzbrötchen, die auch beim zweiten Biss nicht gleich auseinanderfallen. Hauptsache schön sabschig.