Backstory #11: Frühstück kennt keine Uhrzeit

Früher stand man morgens auf und frühstückte. Heute wird erst einmal optimiert.
Der eine startet mit einem Eiweißshake in den Tag. Die Nächste darf seit dem Vorabend nichts essen, weil ihr Intervallfasten noch läuft. Wieder jemand anderes isst überhaupt nur einmal am Tag. Und dazwischen gibt es jede Menge Menschen, die sich an bestimmte Essenszeiten halten, weil ein Ernährungsexperte, eine Fitness-App oder der neueste Ernährungstrend sie gerade für besonders gesund erklärt hat.
Wobei das natürlich alles gar nicht so neu ist.
Früher brauchte es dafür keine App und keinen Influencer. Da reichte die Brigitte. Die Älteren unter uns werden sich erinnern. Stichwort: die Ananas-Diät.
Und dann gibt es Menschen, die einfach in eine Bäckerei kommen und frühstücken möchten.
Letztens kam so eine ausgesprochen gut gelaunte Frau in den Laden und flötete:
„Machen Sie eigentlich noch Frühstück?“
Daraufhin ich:
„Aber sicher doch. Bei uns können Sie den ganzen Tag frühstücken. Das können Sie um diese Zeit sonst nur in einem hippen Lokal in Berlin-Mitte.“
Sie freute sich und erzählte mir, dass sie extra zu uns gekommen sei, weil es ihr in ihrem Ort zu trubelig war.
Offenbar wollte sie nicht nur in Ruhe frühstücken, sondern auch ein bisschen arbeiten, denn nachdem sie ein lauschiges Plätzchen gefunden hatte, klappte sie schon ihren Laptop auf.
Na bitte. Berlin-Vibes im Hamburger Speckgürtel.
Die Frau bestellte zunächst einen Kaffee und studierte interessiert unser Frühstücksangebot. Das ist auf großen, vom Marketing als Tafeln gestalteten Aushängen nun wirklich nicht zu übersehen.
Man muss beim Lesen nur ein bisschen aufpassen, dass man keine Nackenstarre bekommt.
Dafür ist unsere Frühstückskarte übersichtlich, und die Namen lassen schon ganz gut erahnen, was einen erwartet.
„Moin Moin“ ist etwas für Menschen, die morgens keine Lust haben, sich selbst ein Brötchen zu schmieren oder schlichtweg keine Zeit dafür haben. Zwei belegte Brötchenhälften und ein heißes Getränk dazu: Kaffee, Tee oder heiße Schokolade. Fertig.
Besonders beliebt ist „Moin Moin“ bei Handwerkern. Die kommen rein, schieben sich schnell etwas zwischen die Kiemen und müssen weiter zum nächsten Auftrag. Dreimal dürft ihr raten, welchen Belag sie sich aussuchen.
Richtig: Mett, Mett, Baby!
Einen Laptop klappt von diesen Kunden eher keiner auf.
(Über die Mettliebe der Deutschen lasse ich mich ausführlich in Backstory 7 aus.)
„Gute Laune“ ist schon etwas für Menschen, die ein bisschen mehr Zeit mitgebracht haben und gerne langsam in den Tag starten. Wobei man bei uns natürlich auch erst nachmittags langsam in den Tag starten darf.
Wir stellen keine Fragen und wir judgen nicht, wie die Gen Z so schön sagt.
Und dann gibt es noch „Perfekt für zwei“. Unsere Turteltauben-Variante. Wobei man natürlich nicht verliebt sein muss, um gemeinsam zu frühstücken. Man kann auch einfach safe befreundet sein. Wir stellen keine Fragen.
Die nette Frau konnte sich allerdings nicht so recht entscheiden. Also schlug ich ihr vor, dass ich ihr auch einfach etwas frisch schmieren könnte. Das nahm sie dankend an, und wir einigten uns auf ihren Wunschbelag.
Dann fragte sie mich, ob ich aus Berlin käme. Offenbar hatte mein kleiner Berlin-Mitte-Witz sie neugierig gemacht.
Nein, aus Berlin komme ich nicht. Aber ich habe dort lange gelebt und auch meine Studentenzeit verbracht.
Berlin kannte ich noch aus einer Zeit, in der spätes Frühstück nicht All Day Breakfast hieß.
Man frühstückte einfach spät oder ging zum Brunch.
Irgendwann schwappte dann offenbar ein bisschen New York nach Berlin. Ich weiß gar nicht, wann das anfing.
Mit Sex and the City? Oder mit den Influencern, die ständig nach NYC düsten und uns anschließend ihr Frühstück aus schicken, völlig überteuerten Delis auf Social Media präsentierten?
Irgendwann hieß spätes Frühstück jedenfalls nicht mehr Brunch, sondern All Day Breakfast.
Diese Entwicklung ist komplett an mir vorbeigegangen. Lange habe ich das eigentlich nur über Social Media verfolgt. Erst als ich wieder häufiger in Berlin war, merkte ich: Das ist ja gar kein Instagram-Ding. Die machen das wirklich.
Plötzlich war Frühstück nicht mehr einfach Frühstück. Man serviert Eggs Benedict, Shakshuka oder Avocado Toast auf Sauerteigbrot, dazu einen hippen Kaffee, schießt ein paar nice Fotos und macht nebenbei ein bisschen Content und schon ist man mittendrin im urbanen Creator-Lebensgefühl.
Und natürlich hat das Ganze inzwischen auch seine eigene Sprache. Denn „Bei uns können Sie den ganzen Tag frühstücken“ klingt schließlich verdächtig nach Bäckerei.
Auf Englisch ist es ein Konzept.
Manchmal schafft es dieses urbane Lebensgefühl allerdings auch bis zu uns in die Landbäckerei. Man merkt es meistens recht schnell an den Fragen.
„Machen Sie auch Flat White?“
Steht zwar nicht auf der Karte, aber ich könnte in der Tat improvisieren.
„Haben Sie Hafermilch?“
Zu Hause ja, aber hier haben wir leider keine.
Wobei das durchaus schon zur Diskussion stand. Unsere Filialleiterin Nicole meinte irgendwann, sie könnte ja Hafermilch bestellen. Nicole macht wirklich viel für unsere Kunden möglich. Aber sie lässt auch die Kirche im Dorf und hat nach über 15 Jahren Bäckereigeschäft eben den Durchblick.
Als das Thema mal wieder aufkam, schaute sie mich einen Moment lang mit festem Blick an und fragte ganz trocken:
„Aber hast du jedes Mal Lust darauf, den Schlauch für den Milchschaum sauber zu machen und zu wechseln, wenn einer von zehn Kunden seinen Latte Macchiato mit Hafermilch möchte?“
Äh. Nein.
Unser Kaffeeautomat hat nämlich genau einen Schlauch, über den die Milch für den Milchschaum läuft. Er ist eben kein Barista mit Man Bun und Dreitagebart, der ganz lässig zwischen Kuh- und Hafermilch wechselt und sich dabei nicht mit den Schläuchen verheddert.
Also, Leute: leider keine Hafer-, Erbsen- oder Sojamilch in der Landbäckerei. Und jetzt wisst ihr auch, warum. Es liegt nicht an uns. Es liegt an der technischen Ausstattung.
Für eine Siebträgermaschine reicht das urbane Lebensgefühl bei uns dann doch nicht. Schon gar nicht bei den aktuellen Sparmaßnahmen des Unternehmens.
Und ich weiß, das klingt jetzt echt crazy, aber dafür könnt ihr bei uns den ganzen Tag frühstücken. Naja, bis 16.30 Uhr. Das hat auch etwas mit den Sparmaßnahmen zu tun.
Eigentlich bieten wir also längst All Day Breakfast an. Wir sind nur bisher nicht auf die Idee gekommen, es so zu nennen.
Und jetzt wird es noch wilder: ohne vorher zu reservieren und ohne Time Slot.
Ihr könnt einfach reinkommen.
Verrückt, ich weiß.
Die nette Frau blieb übrigens noch eine ganze Weile. Sie frühstückte, trank ihren Kaffee und arbeitete an ihrem Laptop. Später bestellte sie sich noch einen Kaffee und nahm ein Stück Kuchen dazu.
Vielleicht braucht es für ein bisschen urbanes Lebensgefühl am Ende gar nicht so viel.
Einen Kaffee, etwas zu essen, einen Platz zum Sitzen und jemanden, der einen einfach in Ruhe lässt.
Und vielleicht ist genau das unser Konzept.
Nur haben wir bisher vergessen, ihm einen englischen Namen zu geben.
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MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen und die kleinen Beobachtungen dazwischen.

