Muss ich noch Rechtschreibung können? Es gibt doch Autokorrektur!?

Lange vor dem Internet wurden schon viele orthografische und stilistische Böcke geschossen. In der schriftlichen wie in der mündlichen Kommunikation. Auffällig ist jedoch, dass sich in den letzten Jahren auf bestimmten Social Media Plattformen einige Menschen mit der Rechtschreibung nicht mehr so viel Mühe geben. Jedenfalls scheint es so.

Woran das liegen könnte und warum Rechtschreibung immer noch wichtig ist; wem digitale Tools und die Autokorrektur wirklich helfen können: Das erfährst du in meinem Blogbeitrag.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade von Kerstin Salvador Rechtschreibung und ich – (k)eine Liebesgeschichte und ist Teil der 30+ Blogparaden im Herbst. Die Blogparade wurde bis zum 14. November 2022 verlängert. Also hau in die Tasten und nimm gerne noch daran teil.

So war das im Osten

Als ich in den Achtzigerjahren die Schule besuchte, hatten Rechtschreibung und Grammatik einen hohen Stellenwert im Deutschunterricht. Der Schwerpunkt des Unterrichts lag auf der geschriebenen Sprache. Wir verbrachten viel Zeit mit dem Schreiben von Diktaten, dem Einüben formaler Regeln und mit funktionaler Grammatik. Merksätze wie „Trenne nie „st“, denn es tut ihm weh!“, dienten uns als Eselsbrücken. Wir hatten Brieffreundschaften und schrieben Postkarten aus dem Urlaub. Wir schrieben von Hand, mit einem Füller und das meistens bis zum Abitur. Ich ging auf eine Polytechnische Oberschule und gehöre zum letzten Abitur-Jahrgang eines Landes, das es nicht mehr gibt. 1990 legte ich mein Abitur an einer Erweiterten Oberschule in der ehemaligen DDR ab.

Die kommunikative Wende im Westen

Im Herbst 1990 lernte ich einen jungen Mann kennen. Er hatte einen großen Wortschatz und war sehr redegewandt. Ich erinnere mich noch daran, wie sehr wir Ossis an seinen Lippen hingen. Am liebsten hätten wir jeden seiner wohlformulierten Sätze mitgeschrieben. Der junge Mann kam aus dem Westen und besuchte zu der Zeit ein Wirtschaftsgymnasium in Bayern.

Während wir Aufsätze schrieben, Satzglieder analysierten, Substantive deklinierten, Verben konjugierten und Schönschrift übten, wurde im Westen Mitte der Siebzigerjahre die kommunikative Wende eingeleitet. Die auf Interaktion bezogene Kommunikationskompetenz wurde in den Achtzigerjahren zum wichtigsten Ziel des Unterrichts erklärt. Während bei uns die Schriftsprache das Maß aller Dinge war, hatte er gelernt zu argumentieren, zu debattieren und zu diskutieren.

Ich lernte diesen wortgewandten Mann dann etwas besser kennen. Wir schrieben uns Briefe. Er hatte eine schwer lesbare Handschrift und manchmal purzelten die Buchstaben seiner Wörter durcheinander. Ich brauchte oft sehr lange, um das Geschriebene zu entziffern.

Damals passte das für mich irgendwie nicht zusammen. Wie konnte es sein, dass sich jemand mündlich (fast) druckreif ausdrücken konnte und schriftlich so viele Fehler machte? Im Osten wie im Westen bescheinigte man Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche lange Zeit mangelnde Intelligenz.

Dieser Mann war intelligent. Und Legastheniker. Von da an hat sich meine Sicht auf Menschen und ihre Rechtschreibkompetenz grundlegend verändert.

Die Rechtschreibreformen

Ich hatte nie Probleme mit der deutschen Grammatik und mit korrekter Rechtschreibung. Bis zu den Rechtschreibreformen. Die erste 1996, die zweite 2004/2006. In den Neunzigerjahren und Anfang der Nullerjahre gab es Zeiten, in denen ich total verunsichert war und plötzlich nicht mehr wusste, wie man richtig schreibt.

Besondere Schwierigkeiten machten mir eine Zeit lang der orthografische Unterschied zwischen „ß” und „ss“. Bis mir meine Freundin, die als Lehrerin arbeitete, die Regel erklärte. Ist der Vokal lang und nach einem Diphthong (au, ei, eu, äu), folgt Eszett, z. B. bei „Soße“ oder „Kloß” und „beißen“ oder „außerdem“. Das doppelte „ss” folgt, wenn man den Vokal kurz spricht wie bei „Flüsse“, „Fass “ und „Kuss“. Verwirrt hatte mich auch, dass vieles plötzlich auseinander geschrieben wurde, anderes sollte zusammengeschrieben werden.

Bis zur Rechtschreibreform 1996 musste vor jedem erweiterten Infinitiv ein Komma gesetzt werden. So habe ich das auch gelernt. Danach ließ man diese Kommas erst mal weg. Bis zur nächsten Reform. Sätze wie „Sie liebte es, keine Kommas zu setzen.” verlangten plötzlich wieder ein Komma. Meinem Sohn habe ich von Anfang an dazu geraten, vor Infinitivgruppen generell ein Komma zu setzen. Das Komma hat schließlich eine wichtige Funktion: Es erhöht die Lesbarkeit eines Textes.

Die neueingeführten oder neu eingeführten Regeln – in diesem Fall ist Getrennt- und Zusammenschreiben erlaubt – bereiten mir bis heute Kopfschmerzen, weil sie uneindeutig und unlogisch sind. Aber eine Sache beruhigt mich: Wenn es nicht hundertprozentig klare Regeln gibt, dann hat man einen gewissen Spielraum. Und davon mache ich Gebrauch.

Die GenZ tippt und verschickt Sprachnachrichten

Heutzutage werden E-Mails oder Nachrichten getippt und per Messenger versendet. Jüngere Menschen verzichten komplett auf die Tipperei und senden sich gegenseitig mehrminütige Sprachnachrichten, kurz: Sprachis. Und so schickt man sich munter Geplapper hin und her. Am Ende weiß nur niemand mehr, in welcher Sprachi sich die EINE Information befindet, die man vielleicht gerade braucht.

Als mein heute 18-jähriger Sohn in die Grundschule kam, gab es gerade besonders viel Verwirrung in der deutschen Rechtschreibung und in der Methodik, sie Grundschulkindern beizubringen. An vielen Grundschulen wurde das umstrittene Experiment „Schreiben nach Gehör“ praktiziert. Die Kinder sollten sich aus einer Anlauttabelle die Buchstaben zusammensuchen, die sie brauchten, um ein Wort zu schreiben, oder treffender ausgedrückt, um die Buchstaben zu malen. Dabei machten sie natürlich viele Fehler, die weder von den Lehrer:innen noch von den Eltern korrigiert werden durften. Wenn man Wörter nach Gehör schreibt, dann kommt zum Beispiel so etwas dabei heraus: „Awaksene“ statt „Erwachsene”.

In der zweiten Klasse wurde den Kindern endlich gesagt, dass die Wörter eigentlich anders geschrieben werden. Einige schrieben sie dann richtig, andere nicht. Mein Sohn gehörte zu letzteren Kindern. Wenn du merkst, dass es deinem Kind nicht gut geht, bist du als Mutter erst mal aus der Bahn geworfen. Mein Sohn gehörte Gott sei Dank zu den Kindern, bei denen das noch rechtzeitig bemerkt wurde. Er kam im zweiten Halbjahr der Klasse 2 in eine Leseklasse einer Förderschule. Dort lernte er mit Hilfe der Kieler Lautgebärden Methode spielerisch eine Brücke zwischen dem Laut und dem zugehörigen Buchstaben zu bauen. Danach konnte er lesen und schreiben. Und ich war total erleichtert. Was für ein Glück er hatte, denke ich heute manchmal noch …

Inzwischen ist die Schreiben-nach-Gehör-Methode in unserem Bundesland verboten. An den Grundschulen ist man wieder dazu übergegangen, den Kindern von Anfang an korrekte Rechtschreibung zu vermitteln.

Leider kam das für viele Kinder der Generation Z  zu spät. Ihre Rechtschreibkompetenz steht auf einem wackeligen Fundament. Wer die Lücken nicht selbstständig schließt, der hat an weiterführenden Schulen, an der Universität und ganz sicher später im Arbeitsleben ein Problem. Denn Rechtschreibkompetenz ist die Voraussetzung, um verständliche Texte zu schreiben.

Eins hat diese Generation allerdings richtig gut gelernt: Ohne Punkt und Komma reden. Auf Deutsch, viele von ihnen auch auf Englisch. Nachgewiesen ist auch, dass ihr Wortschatz umfangreicher ist als der früherer Generationen. Und besser präsentieren, das können sie auch. Also Gnade mit der Generation Z.

Die digitale Wende

„Ich mach meistens Sprachnachrichten. Mir ist das mit dem Schreiben alles zu anstrengend. Ich finde, ich krieg irgendwie mehr unter in der Sprachnachricht. Das geht schneller irgendwie. Und ich finde Texten ist irgendwie ein bisschen verschwendete Zeit.“ In der aktuellen Podcastfolge von Senf aus Hollywood diskutieren Bill und Tom Kaullitz die Vor- und Nachteile von Sprach- und Textnachrichten. Während sein Bruder Tom lieber Textnachrichten erhält, auf die er dann absurderweise mit Sprachnachrichten antwortet, verschickt Bill lieber Sprachnachrichten. (Nachzuhören ab Minute 29)

Aber was machen Menschen, die von Sprachnachrichten genervt sind oder solche, die nicht tippen wollen? Die gute Nachricht: Dafür gibt es digitale Tools. Heutzutage hat jeder ein Smartphone, aber die wenigsten kennen die Diktierfunktion oder wissen, wo sie sich auf dem Smartphone befindet. Eins vorweg: Das ist nicht die Taste für die Sprachnachrichten, die sich bei so vielen Menschen so großer Beliebtheit erfreut.

Digital kompetente Menschen nutzen die Diktierfunktion und erfassen ihre Sprachaufnahme als Text. Eine KI wandelt Speech-to-Text um. Doch Vorsicht, die besten KI-Tools können aus genuscheltem Buchstabensalat keine sinnvollen Wörter zaubern. Eine KI-Software kennt auch nicht alle orthografischen und grammatischen Normverstöße. Deshalb sollte der Text vor dem Versenden überarbeitet werden. Bevor ein umgewandelter Text versendet wird, sollte er definitiv auf Groß- und Kleinschreibung, auf Kommasetzung und ganz wichtig auf seine Verständlichkeit geprüft werden.

Dazu hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man überarbeitet den Text selbst oder lässt einen intelligenten Schreibassistenten wie das LanguageTool den Text im ersten Schritt prüfen. Nur sollte man sich nicht allein auf die Autokorrektur verlassen. Man muss die Norm kennen, um fehlerfrei mit solchen Programmen schreiben zu können. Und genau an dieser Stelle kommt die Sprach- und Rechtschreibkompetenz ins Spiel. Das, was das digitale Tool an Änderungen vorschlägt, muss der Mensch bewerten und in die Norm einordnen. Damit am Ende ein orthografisch korrekter, gut lesbarer und verständlicher Text entsteht.

Ist das jetzt das Ende?

Wer bis hier gelesen hat, möchte sicherlich wissen, wie die Geschichte mit dem redegewandten jungen Mann und mir weiterging. Wir waren für zwei Jahre ein Paar und führten eine Fernbeziehung zwischen Berlin und dem Bayrischen Wald. In dieser Zeit hatte ich noch keinen Telefonanschluss – wie so viele Menschen in Ostberlin. Und so kamen wir auf die Idee, unsere Alltagserlebnisse auf Kassette mit Hilfe eines Kassettenrekorders – die älteren Leser:innen werden sich erinnern – aufzunehmen und uns per Post zuzuschicken. Not macht erfinderisch. Damals wie heute. So konnten wir wenigstens zwischendurch mal die Stimme des anderen hören.

Problemfrei lesen und schreiben zu können, ist gar nicht so selbstverständlich. Anstatt Menschen für ihre Rechtschreibung zu verurteilen, sollten wir uns immer vor Augen halten, dass jeder Mensch seine Geschichte hat. Dann ist der erste Schritt in Richtung Empathie gemacht.

Mein Freund studierte nach unserer Trennung Wirtschaft mit Studienschwerpunkt China am Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen. Anschließend lebte und arbeitete er in China und Indien. Ich würde ihn gerne mal fragen, wie er die chinesischen Schriftzeichen gelernt hat. Wir haben uns leider aus den Augen verloren.

THE END