Backstory #10: Sechs Wochen Niente Caffè 

Es gibt Dinge, von denen man erst merkt, wie wichtig sie sind, wenn sie nicht mehr funktionieren. WLAN zum Beispiel. Die EC-Kartenzahlung. Oder eben der Automat für die Kaffeespezialitäten in einer Bäckerei. Denn Cappuccino, Latte Macchiato & Co. sind nicht nur nett für die Kundschaft – sie tragen auch einen nicht ganz unerheblichen Teil zum Umsatz bei.

Unserer funktionierte nicht.

Und damit wirklich niemand auf die Idee kam, es trotzdem zu versuchen, hing irgendwann ein Pappteller an der Maschine. Darauf stand: „Defekt“. Nicht schön, dafür aber in Schönschrift. Denn meine Kollegin Christina hat einfach eine schöne Handschrift. Man muss schließlich auch bei der Krisenkommunikation ein bisschen auf die Optik achten.

Wobei – so ganz unmissverständlich war die Botschaft offenbar trotzdem nicht.

„Geht der Kaffeeautomat nicht?“

Ich schaute zum Pappteller. „Nein.“

„Gar nicht?“

Nein. Gar nicht.

Das ist ein bisschen wie bei einem Fahrstuhl, an dem „Außer Betrieb“ steht. Man drückt trotzdem noch einmal auf den Knopf. Vielleicht hat sich die Sache inzwischen von selbst erledigt. Unser Kaffeeautomat erledigte sich leider nicht von selbst. Irgendwann war der Pappteller so selbstverständlich geworden, dass ich vermutlich irritiert gewesen wäre, wenn er plötzlich nicht mehr dort gehangen hätte.

Nur unsere Kundschaft gab die Hoffnung nicht auf. Denn eine Bäckerei ohne Cappuccino ist für manche Menschen zwar theoretisch eine Bäckerei, praktisch aber eine Zumutung.

Natürlich hatten wir Kaffee. Guten deutschen Filterkaffee sogar. Allerdings ohne Refill, wie man ihn aus amerikanischen Diners kennt. Wobei – unter uns gesagt – hätte man den unseren Kundinnen und Kunden in diesen sechs Wochen eigentlich anbieten können. Als kleine Entschädigung dafür, dass Cappuccino, Latte Macchiato & Co. auf unbestimmte Zeit aus dem Verkehr gezogen waren.

Filterkaffee hat schließlich jahrzehntelang ganze Generationen zuverlässig durch Geburtstage, Beerdigungen und Sonntagnachmittage gebracht. Nur wer eigentlich einen Latte Macchiato mit Karamell im Kopf hat, lässt sich damit trotzdem schwer trösten. Für ein bisschen Italien-Feeling im Hamburger Speckgürtel braucht es eben mehr als eine Kanne Filterkaffee.

Wir erklärten also immer wieder, warum der Automat noch nicht repariert war. Die offizielle Auskunft lautete: Wir haben zwei Techniker. Einer ist im Urlaub und der andere völlig überlastet, weil offenbar auch in anderen Filialen die Kaffeeautomaten ihren Dienst eingestellt haben.

Das klang einleuchtend. Ich stellte mir langsam vor, wie dieser eine arme Mann irgendwo zwischen Mölln und Hamburg mit einem Werkzeugkoffer von Filiale zu Filiale raste und überall verzweifelte Verkäuferinnen auf ihn warteten.

Also warteten auch wir. Geduldig. Na ja. Zunehmend weniger geduldig.

Zum Glück erlöste uns irgendwann der Eiskaffee. Das Marketing hatte extra große Aufsteller gestaltet und ihn perfekt in Szene gesetzt. Genau zur richtigen Zeit, könnte man sagen. Plötzlich hatten wir etwas, das wir den enttäuschten Cappuccino- und Latte-Macchiato-Fans mit einiger Überzeugung ans Herz legen konnten: abgekühlten Kaffee, eine Kugel Vanilleeis, Sahne obendrauf und auf Wunsch noch ein bisschen Flavour.

Not macht erfinderisch – und ein hübscher Aufsteller, prominent platziert, hilft beim Verkaufen.

Der defekte Kaffeeautomat weckte das Verkaufstalent in mir, und ich wurde in kurzer Zeit ziemlich gut darin, unserer Kundschaft den Eiskaffee schmackhaft zu machen. Und es funktionierte erstaunlich gut. Aus der Notlösung wurde langsam eine echte Alternative. Der Sommer tat sein Übriges: Bei 27 Grad lässt sich der Verlust eines Cappuccinos schließlich leichter verschmerzen, wenn einem jemand Vanilleeis und Sahne in Aussicht stellt.

So vergingen die Wochen. Sechs insgesamt.

Sechs Wochen sind eine erstaunlich lange Zeit für einen kaputten Kaffeeautomaten. Das fand irgendwann auch unsere Filialleiterin. Sie machte Druck, und Herr K., unser Bezirksleiter, ging der Sache nach.

Dabei stellte sich heraus, dass unser Problem weder Urlaub noch Personalmangel noch eine mysteriöse Epidemie unter norddeutschen Kaffeevollautomaten war. Unser Problem war ein Häkchen. Oder ein Klick. Jedenfalls hatte jemand das Reparatur-Ticket geschlossen. Einfach so.

Im System war unser Kaffeeautomat offenbar längst wieder in Betrieb.

Nur unser Kaffeeautomat wusste nichts davon.

Das Ticket wurde wieder geöffnet. Und dann stand Dietmar plötzlich im Laden. Einer unserer beiden Monteure, auf den wir sechs Wochen lang gewartet hatten.

Nach sechs Wochen hatten wir uns längst damit abgefunden, dass die Reparatur eines Kaffeeautomaten offenbar ungefähr so komplex war wie der Bau der Hamburger Elbphilharmonie. Kaum war das Ticket wieder geöffnet, ging es dann erstaunlich schnell.

Dietmar erledigte seinen Job. Der Pappteller verschwand. Die Maschine schnurrte wieder. Und wir sagten danke.

Eigentlich hätte jetzt große Freude ausbrechen müssen. Tat sie auch. Nur hatten wir inzwischen ein neues Problem: Wir hatten die Leute an Eiskaffee gewöhnt.

Janika zum Beispiel.

Als sie wieder vor mir stand, konnte ich ihr endlich die frohe Botschaft überbringen: „Du kannst jetzt wieder einen Karamell-Latte-Macchiato haben. Oder deinen Eiskaffee.“

Aber wie das so ist. Manchmal sollte man Menschen nicht zu viele Möglichkeiten geben.

Janika schaute mich an. „Oje. Was nehm ich jetzt?“

Sechs Wochen vorher hätte sie diese Frage überhaupt nicht gestellt. Jetzt schon.

Italiener hätten wahrscheinlich Luftsprünge gemacht und nicht lange überlegt. Genau in solchen Momenten muss ich immer an meine sardische Gastmutter denken. Sie hatte Deutschland im Jahr 1999 besucht und anschließend ein ziemlich eindeutiges Urteil über unsere Nicht-Kaffeekultur gefällt:

„In Germania, voi bevete brodo, non bevete caffè.“

In Deutschland trinkt ihr Brühe, keinen Kaffee.

Sie meinte damals unseren Filterkaffee. Außerdem wunderte sie sich darüber, dass es bei uns an jeder Ecke eine Apotheke gab, aber offenbar keinen Ort, an dem man schnell einen vernünftigen Espresso trinken konnte.

Das ist natürlich schon lange her. Inzwischen hat sich hierzulande einiges getan in Sachen Kaffee. Trotzdem liegen zwischen italienischer und deutscher Kaffeekultur noch immer kleine Welten.

In Italien bestellt man einen caffè und bekommt einen Espresso. Basta. Und wer „Latte“ bestellt, bekommt möglicherweise genau das: Milch. Italienische Baristi sollen sich daraus gerne mal einen kleinen Spaß mit Touristen machen. Wer Latte bestellt, bekommt schließlich Latte. Was kann der Barista dafür?

Bei uns dagegen kann eine Bestellung schon einmal klingen, als würde man sich ein Sofa konfigurieren. Groß, mittel oder klein? Mit Milch? Welche Milch? Flavour? Karamell oder Vanille?

Meine sardische Gastmutter hätte vermutlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Andererseits hätte ich gern gesehen, was passiert wäre, wenn ich ihr unseren Eiskaffee hingestellt hätte.

Was mich zu einer völlig anderen, aber in diesem Zusammenhang natürlich wichtigen Frage bringt: Was bestellt sich eigentlich Papst Leo XIV., der nun ausgerechnet Amerikaner ist, wenn ihm nach Kaffee ist?

Espresso? Americano?

Oder war er in den USA Stammgast im Coffee Shop und lief dort mit einem Double-Caramel-Vanilla-Frappuccino in der Hand herum?

Man weiß es nicht. Aber seit sechs Wochen Niente Caffè beschäftigen mich offenbar Fragen, über die ich vorher nie nachgedacht habe.

Inzwischen hatte sich jedenfalls herumgesprochen, dass unser Automat wieder funktionierte. Eines Nachmittags kam Jana herein.

„Ich hab schon gehört, dass der Kaffeeautomat wieder geht!“

Natürlich hatte sie das. Die Frühschicht hatte Kristin bereits mit der Weitergabe dieser wichtigen Nachricht beauftragt.

Andere bekommen Push-Nachrichten. Wir haben Kristin.

So funktioniert das bei uns auf dem Land.

Jana bekam also wieder ihren großen Latte. Das war wichtig. Denn ohne ihren Latte geht Jana nachmittags nicht auf die Weide. Aber das ist eine andere Backstory. Ich verlinke sie euch mal hier.

Unser Kaffeeautomat läuft jedenfalls wieder. Der Pappteller ist verschwunden, Dietmar konnte weiterziehen und die sechs Wochen Kaffeekrise sind Geschichte. Geblieben ist der Eiskaffee. Und Janikas neues Problem: Karamell-Latte-Macchiato oder Eiskaffee?

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis aus sechs Wochen Niente Caffè: Manchmal braucht es nur ein versehentlich geschlossenes Reparatur-Ticket, um seine Gewohnheiten zu überdenken.

Und eine Kugel Vanilleeis.

Die hilft in allen Lebensphasen.

Wobei mich das gerade auf eine Idee bringt. Eigentlich wäre es höchste Zeit für die nächste italienische Sommer-Kaffeespezialität bei uns in der Bäckerei: Affogato.

Eine Kugel Vanilleeis, darüber ein frisch gebrühter Espresso. Berlin-Mitte-Vibes im Hamburger Speckgürtel.

Der Kaffeeautomat läuft schließlich wieder.

Ich müsste die Idee nur noch dem Marketing unterjubeln.

MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen und die kleinen Beobachtungen dazwischen.