Barrierearm, barrierefrei, WCAG AAA? Was Kunden anfragen und was es wirklich gibt.

Die Anfrage, die ich fast jede Woche bekomme

„Wir brauchen ein barrierearmes PDF für unsere neue Broschüre.”

Oder: „Das PDF soll barrierefrei sein, am besten nach WCAG AAA.”

Wenn ich solche Anfragen lese, denke ich nicht: Die wissen es nicht besser. Ich denke: Die sind auf dem richtigen Weg, aber ihnen fehlt die Landkarte. Wer so fragt, hat schon etwas aufgeschnappt. Nur nicht ganz das Richtige.

Dieser Artikel gibt dir die Landkarte.

Warum „barrierearm” so beliebt ist

Viele Kunden haben gehört: Hundert Prozent Barrierefreiheit gibt es nicht. Das stimmt sogar. Menschen sind verschieden, Assistenztechnologien auch, und kein Dokument kann jede denkbare Situation abdecken.

Aus diesem Sicherheitsbewusstsein heraus entsteht der Begriff „barrierearm”. Er klingt vorsichtig und ehrlich. Er schützt vor dem Versprechen, das man vielleicht nicht halten kann.

Das Problem: „Barrierearm” ist kein Maßstab. Er steht in keiner Norm, in keinem Standard, in keiner Prüfung. Man kann ein Dokument nicht auf „arm” testen. Und ohne definierte Anforderungen lässt sich auch keine klar definierte Leistung anbieten. Es ist wie ein Wegweiser, auf dem nur „irgendwohin” steht: Jeder kann losgehen, aber niemand weiß, ob er angekommen ist.

Besonders deutlich wird das bei der Prüfung. Heißt es, am Ende dürften ruhig noch ein paar rote Kreuze in der PAC-Prüfung stehen, bleiben Fragen offen: Welche Fehler dürfen übrig bleiben? Wie viele? Welche Barrieren werden bewusst in Kauf genommen? Und für welche Nutzergruppen soll das Dokument trotzdem zugänglich sein? Ohne Antworten darauf kann niemand sagen, ob die Leistung erbracht wurde.

Was es wirklich gibt

Für PDF-Dokumente gibt es zwei Maßstäbe, die sich ergänzen.

PDF/UA (ISO 14289) beschreibt die technische Seite: Ist das Dokument sauber strukturiert und getaggt? Gibt es Überschriften, Listen, Tabellen mit Kopfzeilen, Alternativtexte, eine korrekte Lesereihenfolge, eine eingestellte Dokumentsprache?

WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) beschreibt die inhaltliche Seite: Sind Kontraste ausreichend? Ist die Sprache verständlich? Sind Informationen nicht allein über Farbe vermittelt? Die WCAG kennen drei Stufen: A, AA und AAA.

Das Entscheidende: Beides lässt sich prüfen. Genau das macht den Unterschied zu „barrierearm”.

Warum „WCAG AAA” meistens nicht gemeint ist

Die Stufe AAA klingt nach dem Besten vom Besten. Deshalb wird sie gern angefragt.

Aber: Die WCAG selbst sagen, dass AAA nicht als generelles Ziel für ganze Angebote gefordert werden kann, weil sich nicht jedes Kriterium für jeden Inhalt erfüllen lässt. Der übliche rechtliche und praktische Maßstab ist Stufe AA.

Wer „AAA” sagt, meint in aller Regel: „Es soll richtig gut sein.” Das ist ein legitimer Wunsch. Er lässt sich nur besser in konkrete, erreichbare Anforderungen übersetzen.

Die Übersetzung: Was Kunden sagen und was sie brauchen

Was Kunden anfragen und was es wirklich gibt aufgelistet in dieser Tabelle mit Erklärung der gängigen Begriffe rund um barrierefreie PDFs.

Das sagt der KundeDas ist meistens gemeintDas gibt es wirklich
barrierearmes PDFEs soll möglichst zugänglich sein, aber ohne HaftungsrisikoBarrierefreies PDF nach PDF/UA, geprüft
barrierefrei nach WCAG AAAEs soll höchste Qualität habenWCAG 2.1 Stufe AA, wo sinnvoll einzelne AAA-Kriterien
PDF/UA-konformEs soll geprüft und belegbar seinPDF/UA-1 mit Prüfbericht
blindengerechtes PDFEs soll mit Screenreader nutzbar seinStrukturiertes, getaggtes PDF, im Screenreader getestet
barrierefreie BroschüreUnklar, ob Print oder digital gemeint istDruckversion, digitale Version oder beides?

Die Frage, die wirklich weiterhilft

Statt über Begriffe zu streiten, stelle ich Kunden zwei Fragen:

  1. Wofür wird das Dokument gebraucht? Zum Download auf der Website, zum Versand, für ein Ausschreibungsverfahren?
  2. Wer soll es lesen können, und gibt es eine rechtliche Vorgabe, etwa durch Auftraggeber, Hochschule oder Behörde?

Aus den Antworten ergibt sich fast immer der passende Maßstab. Und aus dem Maßstab ergibt sich, was geprüft und geliefert wird.

Wer bewusst nicht alle Anforderungen umsetzen möchte, kann das tun. Dann sollte aber schriftlich feststehen, was umgesetzt wird und was nicht. Und es sollte unmissverständlich sein, dass das Ergebnis kein barrierefreies PDF ist. Alles andere ist für beide Seiten ein Risiko.

Und jetzt?

Wenn du eine Broschüre hast, die barrierefrei werden soll, und du dir nicht sicher bist, wie du sie bestellen sollst: Schreib mir, wie du es gerade formulieren würdest. Ich übersetze es für dich.

Du willst direkt loslegen? Barrierefreie Dokumente erstellen lassen

MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen und die kleinen Beobachtungen dazwischen.