Das Schweineohr. Kindheit zum Mitnehmen.
Manchmal hat man etwas im Sortiment, das die Konkurrenz nicht hat. Und wenn dieses Etwas genau eine einzige Person glücklich macht, dann ist das vielleicht ein klitzekleiner Triumph für das Schweineohr. Aber auf jeden Fall wieder eine erzählenswerte Geschichte aus unserer kleinen, feinen Bäckerei.
Es ist Mittwoch, 14:30 Uhr. Die Mittagsspitze ist vorbei, die Kaffeemaschine schnauft noch ein wenig vor sich hin, und die ersten Stammkunden für den Nachmittag trudeln ein. Da steht plötzlich Anja vor meiner Theke und zieht eine Flunsch.
„Was, ihr habt keine Schweineohren mehr? Wie soll ich denn den Rest der Woche überstehen ohne meine Ration? Bekommt ihr denn noch welche? Dann schaue ich am Freitag noch mal rein.“
Anja kenne ich noch vom Reha-Sport. Sie stammt aus Castrop-Rauxel, und das hört man auch. Für mich war Castrop-Rauxel früher vor allem ein Ort auf einem Autobahnschild. Einer dieser Namen, die man auf langen Fahrten durchs Ruhrgebiet liest und sich fragt, wie es dort wohl aussieht. Heute weiß ich wenigstens, wie jemand aus Castrop-Rauxel klingt.
Mit den Bestellungen habe ich eigentlich nichts zu tun. Aber ich weiß, wen ich fragen kann.
Herr K., unser Bezirksleiter, hat heute sein mobiles Büro bei uns im Laden aufgebaut.
Er sitzt zwischen Tablet, Laptop und einer beeindruckenden Anzahl von Excel-Tabellen. Ich frage ihn, ob wir herausfinden können, ob noch Schweineohren bestellt sind.
Er schaut ins Tablet.
„Nein, bestellt sind keine. Aber ich kann noch welche für morgen ordern. Wie viele möchten Sie denn?“, fragt er Anja. Auch seine Herkunft lässt sich nicht verleugnen. Seine Sprache ist leicht sächsisch gefärbt.
„Fünf Stück“, sagt Anja.
Ein kurzer Anruf, und die Schweineohren sind bestellt. Herr K. widmet sich wieder seinen Tabellen. Ich bin selten so froh gewesen, dass er da war.
Als ich ihn vor Schichtbeginn im Laden sitzen sah, dachte ich noch: Wie lange bleibt der wohl? Kurz darauf hatte ich ihn scherzhaft gefragt, ob er eigentlich kein Zuhause hat. Er grinste nur. „Doch. Eine feuchte Wohnung.“ Humor hat er.
Später erzählt mir Anja, warum ihr die Schweineohren überhaupt so wichtig sind. Ihre Großeltern hatten eine Bäckerei in Essen. Als Kind verbrachte sie dort einen großen Teil ihrer Ferien. Weil ihre Eltern als Drogisten selbstständig waren, landete Anja oft bei Oma und Opa in der Bäckerei, zwischen Brötchen, Berlinern und jenen Schweineohren, die sie bis heute nicht vergessen hat.
Während andere Kinder vielleicht im Freibad waren oder den Sommer auf dem Campingplatz verbrachten, half Anja in der Backstube und auf dem Wochenmarkt mit. Und manchmal durfte sie Dinge tun, die für ein Kind sehr aufregend sind. Sie durfte die Schweineohren in Schokolade tunken. Und die Berliner mit Puderzucker bestäuben. Bis heute leuchten ihre Augen, wenn sie davon erzählt.
Plötzlich verstehe ich: Es geht gar nicht nur um Schweineohren. Es geht um Ferien bei den Großeltern, um das Gefühl, dazugehören zu dürfen, um Schokolade an den Fingern und um Erinnerungen, die Jahrzehnte überdauern.
„Und unsere Variante?“, frage ich sie. „Kommt die denn an deine Kindheitserinnerung ran?“
Anja schaut in die Auslage. „Fast“, sagt sie und lacht. „Aber ein bisschen mehr Schokolade könnten sie noch vertragen.“
Das Urteil einer Expertin.
„Sei froh, dass überhaupt welche drauf ist“, antworte ich. „In der Bretagne verkaufen sie die Palmiers, wie sie dort heißen, ganz ohne Schokolade.“
Wir lachen.
Dann frage ich sie, wie sie eigentlich im Norden gelandet ist. Ihre Geschichte ist fast so spannend wie die der Schweineohren. Anja hat ursprünglich Landwirtschaftlich-technische Assistentin gelernt und später in der Forstgenetik gearbeitet. Heute ist sie Schäferin mit eigenen Heidschnucken. Allein das wäre schon Stoff für eine eigene Backstory.
Doch jetzt kommt der Teil, den ich besonders mag. Zweimal pro Woche steht Anja auf dem Wochenmarkt. Und zwar nicht für uns, sondern für die andere Bäckerei im Ort. Ihr wisst schon. Die mit dem Podcast. Und dem Franz-Merch. Marketing können die. Wirklich. Wenn du diese Backstory noch nicht kennst, dann kannst du sie hier lesen: Das Franzbrötchen, das erst noch gebacken werden musste.
Trotzdem steht Anja an einem Mittwochnachmittag bei uns im Laden und sorgt dafür, dass fünf Schweineohren nachbestellt werden. Nicht wegen einer Rabattaktion, eines Newsletters oder eines Podcasts, sondern wegen einer Erinnerung an glückliche Nachmittage in der Bäckerei ihrer Großeltern. Und vielleicht auch, weil Service manchmal wichtiger ist als Marketing.
Denn Marketing macht aufmerksam. Service sorgt dafür, dass Menschen wiederkommen.
Manchmal sogar für ein Schweineohr.
Noch eine kleine Schweineohren-Kunde
Schweineohren oder Schweinsohren sind ein süßes Kleingebäck aus Blätterteig in typischer Herzform. Auf Französisch heißen sie Palmiers oder Cœurs de France, auf Italienisch Prussiane oder Ventagli di pasta sfoglia und auf Schwyzerdütsch Prussiens.
Aber egal wie sie heißen: Mit genug Schokolade schmecken sie meistens nach Kindheit.
Ich habe Anja übrigens dieses Jahr vor meinem Urlaub auf dem Wochenmarkt besucht. An ihrem Stand. Dort habe ich ein Brot und ein süßes Teilchen gekauft. Das Brot war wirklich hervorragend. Man muss die Konkurrenz schließlich auch loben können, wenn sie etwas gut macht. Und wer weiß? Vielleicht komme ich ja wieder.
MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen – und dazwischen gibt es die eine oder andere Backstory aus unserer kleinen, feinen Landbäckerei.


