Er war Lehrer, Sven war sein Schüler. Etliche Jahre später nahm Sven meinem Sohn das Seepferdchen ab. Und irgendwo dazwischen tauchen Die Ärzte, eine Klassenfahrt und Bela B auf.

Diese Backstory handelt von Dieter, einem sympathischen Herrn aus dem Hamburger Norden, der gerne Fahrrad fährt und seine Beobachtungen teilt.

Wie all diese Menschen miteinander verbunden sind, erfuhr ich allerdings erst nach und nach – während Dieter in meiner Bäckerei Kuchen aß, über die Anglizismenflut in der deutschen Sprache schimpfte und mir Geschichten aus seinem Leben erzählte.

Es ist eine Geschichte über Zufälle, Musik und die Spuren, die Menschen hinterlassen. Und darüber, was eine Papiertonne und das Seepferdchenabzeichen damit zu tun haben.

Im Sommer 2024 machte Dieter während einer ausgiebigen Fahrradtour Pause in meiner Bäckerei. Er ist groß, hat freundliche Augen und eine sehr zugewandte Art. Und er trug – selbstverständlich – einen Fahrradhelm und eine Weste. In Neongelb.

Klar, damit man ihn auf den Straßen von Schleswig-Holstein und Hamburg, auf denen er regelmäßig unterwegs war, besser sehen konnte.

Schon nach wenigen Sätzen war klar: Dieter ist nicht nur leidenschaftlicher Radfahrer, sondern auch ein großartiger Geschichtenerzähler. Also setzte ich mich einen Moment zu ihm, obwohl ich das eigentlich nicht darf.

Mit Dieter landete ich schnell bei Themen rund um die deutsche und die englische Sprache. Er hasst die vielen Anglizismen, die alte deutsche Wörter verdrängen, und steht außerdem auf Kriegsfuß mit der Telekom. Die hat ihm wegen vermeintlicher „Anomalien“ schon mehrfach den Internetzugang gesperrt. Kein Witz!

Smartphones und Digitalisierung sind für ihn echte Trigger. Inzwischen habe ich ihm schon öfter geholfen, sein Smartphone wieder richtig einzustellen, weil er „irgendwo draufgekommen ist“ und plötzlich alles anders war.

Einmal drehte sich die Bildschirmansicht nicht mehr mit, wenn er das Handy ins Querformat hielt. Oder vielleicht wollte er gerade eine fixierte Ansicht, weil ihn der ständige Wechsel nervte. Ich weiß es nicht mehr genau.

In solchen Momenten wünscht sich Dieter den alten Nokia-Knochen zurück: ein Handy mit echten Tasten und ohne all die Apps, die ungefragt Dinge tun, um die niemand sie gebeten hat.

Dieter fühlt sich durch die Digitalisierung zunehmend vom Rest der bundesdeutschen Gesellschaft ausgeschlossen. Er ärgert sich darüber, dass es kaum zusätzliche Angebote gibt, die ihm die Teilhabe erleichtern.

Und ich fühle da sehr mit ihm.

Dabei ist Dieter keineswegs jemand, der sich der Welt verschließt. Im Gegenteil. Er engagiert sich ehrenamtlich bei „Dialog in Deutsch“, einem Hamburger Angebot, bei dem Menschen mit anderer Herkunft in kleinen Gesprächsgruppen kostenlos ihre Deutschkenntnisse verbessern und miteinander ins Gespräch kommen können.

Am schönsten sind allerdings seine Geschichten aus der Zeit als Lehrer.

So berichtete er mir von einer Klassenfahrt und einer langen Busreise mit einer lebhaften Klassengemeinschaft, die lautstark Songs von Die Ärzte sang.

Dieter war entsetzt über die Texte.

„Was singen die denn da?“

Aus Lehrersicht war seine Empörung vermutlich nachvollziehbar. Wahrscheinlich war es „Geschwisterliebe“, das ihn damals so erschütterte. Der Song landete bereits in den Achtzigerjahren auf dem Index. Heute würde man solche Inhalte vielleicht einfach mit dem Hinweis „Explicit“ kennzeichnen. Damals sorgten sie für echte Aufregung – und zwar nicht nur bei Lehrerinnen und Lehrern. Ich erinnere mich noch daran, dass das Lied nicht offiziell im Radio gespielt werden durfte.

Dieter fragte mich, ob ich die Band überhaupt kenne.

Ich musste schmunzeln.

„Natürlich. Wir kannten Die Ärzte auch in der DDR.“

Ihre Songs wurden heimlich auf Mixtapes weitergereicht und selbstverständlich hingebungsvoll mitgesungen. Unter anderem auf Klassenfahrten.

An eine davon erinnere ich mich noch ganz genau. Obwohl Pfeffilikör im Spiel war.

Dieter und ich hatten von Anfang an einen sehr schönen Austausch über Sprache, Literatur und Alltagskultur. Er hört aufmerksam zu und erinnert sich an Dinge, die man ihm irgendwann einmal nebenbei erzählt hat.

Das bewies er mir schon ziemlich eindrucksvoll. Ich war über Social Media auf einen Artikel im Magazin der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung aufmerksam geworden und hatte ihm davon erzählt. Dieter hat die Süddeutsche abonniert und erinnerte sich tatsächlich an genau dieses Magazin. Es hatte eine ganze Weile bei ihm zu Hause gelegen.

Allerdings lag es inzwischen in der Papiertonne.

Für ihn war das offenbar kein Grund, die Sache aufzugeben.

Er kletterte tatsächlich für mich in seine Papiertonne, fischte das Magazin heraus und brachte es mir bei seinem nächsten Besuch in die Bäckerei mit.

Ein anderes Mal kam er während einer seiner Radtouren herein und hatte ein Buch für mich dabei: Haben oder Sein von Erich Fromm. Dieter hatte früher Auszüge daraus mit seinen Schülern gelesen. Für ihn ist das Buch bis heute hochaktuell.

Er hatte es extra für mich im Buchladen seines Vertrauens bestellt und abgeholt.

„Yvonne, ich möchte dir dieses Buch schenken“, sagte er. „Und wenn du es gelesen hast, möchte ich gerne mit dir darüber reden. Mich würden deine Gedanken dazu interessieren.“

Dann setzte er sich zu einem Stück Kuchen.

Das Buch nahm ich mit nach Hause. Vollständig gelesen habe ich es allerdings bis heute noch nicht. Das sollte ich vielleicht dringend nachholen, wenn ich mich weiterhin mit Dieter über Literatur unterhalten möchte. Später schenkte er mir auch noch einen Roman von Gabriele Tergit. Weil dieser in Berlin spielt und er weiß, dass ich dort lange gelebt habe. Auch der wartet geduldig auf mich.

Eines Nachmittags kam Dieter in die Bäckerei und sagte gleich zur Begrüßung:

„Heute kommt Sven.“

Sven war ein ehemaliger Schüler von ihm und ebenfalls bei jener legendären Klassenfahrt dabei gewesen.

„Er hilft mir“, erklärte Dieter. „Ich muss dringend aussortieren. Sven holt die Sachen ab. Manches kann er noch verkaufen, den Rest entsorgen.“

Ich nickte. Ausmisten ist immer eine gute Idee.

Als ich später nach meiner Spätschicht nach Hause fuhr und kurz davorstand, in meine Straße einzubiegen, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen:

Sven – den kannte ich doch auch!

Er war der Erzieher im Hort gewesen, als mein Sohn in die Grundschule kam. Und er war derjenige, der meinem Sohn das Seepferdchen abgenommen hatte.

Nebenbei hatte Sven sich ein zweites Standbein als Haushaltsauflöser aufgebaut. Inzwischen arbeitet er hauptberuflich als Entrümpler, meistens nach Todesfällen. Und er ist bekannt wie ein bunter Hund: mit jedem auf Du, von Bela B Felsenheimer bis zum Manager des HSV. Einmal erzählte er mir sogar, was für einen besonderen Parkettboden Bela B sich in sein Haus hatte legen lassen. Ein ganz spezielles Muster.

Da saß also Dieter in meiner Bäckerei und erzählte von seinem ehemaligen Schüler Sven. Derselbe Sven, der Jahre später der Erzieher meines Sohnes geworden war und ihm das Seepferdchen abgenommen hatte. Und der wiederum Bela B kannte, dessen Band Dieters Schüler einst auf einer Klassenfahrt lautstark besungen hatten.

Wie klein die Welt manchmal ist. Und wie viele Fäden sich im Alltag miteinander verweben, wenn man nur genau hinhört.

Inzwischen sehe ich Dieter seltener. Nach einer Operation war er ziemlich lange sehr wackelig auf den Beinen. Seine geliebten Fahrradtouren konnte er nicht mehr so unternehmen wie zuvor. Deshalb führten ihn seine Wege auch nicht mehr regelmäßig in meine Bäckerei.

Seitdem telefonieren wir ab und zu.

„Dieter, wie geht’s, altes Haus?“, frage ich meistens gleich zu Beginn.

Dann lacht er.

„Yvonne, du klingst wie immer sehr munter und fröhlich. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich dir glatt einen Antrag machen.“

Dann lachen wir beide.

Auch wenn seine Gesundheit ihn inzwischen einschränkt, hat Dieter immer einen guten Serien- oder Filmtipp aus den Mediatheken parat. Und mit seinen Beobachtungen bringt er mich immer wieder dazu, über neue Themen nachzudenken.

Mit Dieter ist eben immer noch gut Kirschen essen. Und ich hoffe, dass das auch noch lange so bleibt.

MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen und die kleinen Beobachtungen dazwischen.