Günter
Sobald Günter die Tür betritt, weiß ich: Mein Nachmittag in der Bäckerei ist gerettet.
Mit ihm wird es nie langweilig. Man lacht, lernt und landet früher oder später bei einem seiner Lieblingsthemen: technischen XXL-Phänomenen, ungewöhnlichen Konstruktionen und Geschichten aus seinem bewegten Leben.
Vor zwei Wochen stand er plötzlich wieder auf unserer Terrasse. Ich schaute ihn an wie eine Fata Morgana. Zuletzt hatte ich ihn vor Ostern gesehen – und da ging es ihm nicht gut. Er sprach von Schmerzen und Atemnot und erwähnte ganz beiläufig einen Exit Bag, den man angeblich im Internet bestellen könne.
Dann war er verschwunden.
Wochenlang kein Günter. Kein Earl Grey. Keine Ratespiele. Keine Geschichten von Maschinen, Autos und Dingen, deren technische Daten außer ihm vermutlich niemand auswendig kennt.
Und nun saß er wieder da, als wäre nichts gewesen.
„Wie immer? Earl Grey und ein halbes belegtes Brötchen mit Schnittei?“
Günter nickte und wühlte weiter in seiner Tasche.
Seine Bestellung kenne ich inzwischen genau: ein halbes Brötchen, darauf sieben Scheiben Schnittei und ein wenig Schnittlauch. Nicht sechs, nicht acht. Sieben. Bei Günter haben die Dinge ihre Ordnung.
Heute hatte er ein paar Fotos dabei. Aber als Erstes zog er einen kleinen, verblichenen Schlüsselanhänger hervor.
„Na, weißt du, was das ist?“
Ich schmunzelte.
„Ja. Das ist ein Gabelstapler.“
„Genau!“, sagte Günter zufrieden. „Von meiner alten Firma. Dreißig Jahre im Kunden-Wartungsdienst – durch jedes Wetter und durch alle Bundesländer.“
Ich nahm den Anhänger in die Hand. In der winzigen Hebesäule war eine durchsichtige Röhre eingelassen. Darin bewegte sich eine blassgrüne Flüssigkeit, sobald man den Anhänger kippte – ähnlich wie bei einer Wasserwaage. Sie lief langsam an der Säule entlang, als würde der kleine Stapler gerade etwas Unsichtbares in die Höhe stemmen.
Natürlich folgte die obligatorische Frage:
„Weißt du, was Gabelstapler auf Englisch heißt, Yvonne?“
„Gerade nicht, Günter. Aber ich könnte meinen Telefonjoker Mark anrufen. Muttersprachler, British English. Manchmal kommt er sogar zur selben Zeit wie du.“
Heute allerdings nicht.
Ich machte den Earl Grey fertig, belegte das Brötchen und brachte alles auf die Terrasse. Günter nahm einen Schluck und schaute mich prüfend an.
„Na, Yvonne. Weißt du es jetzt?“
Ich grinste.
„Forklift. Fork. Lift.“
Günter nickte anerkennend.
„Ist das nicht herrlich praktisch? Als würde man einfach mit einer Gabel Dinge hochheben.“
Damit war der Englischtest bestanden und die Tasche noch lange nicht leer.
Als Nächstes kamen sein grauer Führerschein von 1961 und sein Meisterbrief von 1975 zum Vorschein. Echtes Dokumentenpapier, sorgfältig aufbewahrt. Keine Kopien, keine Dateien auf dem Smartphone. Günter trägt die Originale lieber bei sich.
Dann zeigte er mir das Foto eines dunkelroten VW-Bullis T3, mit dem er jahrelang zu seinen Kunden gefahren war. Sofort begann er zu erzählen: von langen Strecken, Reparaturen, die keinen Aufschub duldeten, und Maschinen, die ausgerechnet dann ausfielen, wenn weit und breit keine Werkstatt erreichbar war.
Günters Tasche ist kein gewöhnlicher Aufbewahrungsort. Sie ist Archiv, Fotoalbum, Technikmuseum und Zeitkapsel zugleich.
Plötzlich hielt er ein weiteres Foto in der Hand. Darauf war eine lächelnde Frau in einem Rock und einem Sweatshirt zu sehen.
Er betrachtete es nur kurz und steckte es beinahe hastig zurück.
„Und wer ist das?“, fragte ich leise.
„Das ist Manuela.“
Mehr sagte er nicht.
Vielleicht eine frühere Liebe. Vielleicht jemand, der ihm einmal viel bedeutet hat. Ich fragte nicht weiter. Auch in einer Tasche voller Geschichten gibt es Erinnerungen, die ihrem Besitzer allein gehören.
Dann zog Günter noch ein Bild hervor. Eine andere Frau, streng geflochtenes Haar, klarer Blick.
„Die kenne ich doch. Wer ist das noch mal?“
„Na, überleg mal, Yvonne!“, sagte Günter plötzlich hellwach.
Er liebt Ratespiele und besonders dann, wenn er die Antwort kennt und ich nicht.
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist Julia Timoschenko. In jung.“
Ich lachte.
„Warum hast du denn ein Bild von Julia Timoschenko in deiner Tasche?“
„Na, schau dir nur mal ihre Lippen an, Yvonne!“
Ich nickte stumm und dachte: Ja, voll – und nicht aufgespritzt wie heutzutage.
So saß Günter wieder auf unserer Terrasse: vor sich seinen Earl Grey und das halbe Brötchen mit sieben Scheiben Schnittei, neben sich seine Tasche voller Erinnerungen. Dazu sein Nokia 3310 classic mit echten Tasten und UKW-Radio. Ein Smartphone braucht er nicht. Was sollte das auch enthalten, was seine Tasche nicht längst zu bieten hätte?
Günter war übrigens schon Teil meiner allerersten Backstory. Damals lernte ich von ihm ein Wort, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: UKW-Drehfunkfeuer. Wer wissen möchte, wie es dazu kam, kann die Geschichte hier nachlesen: Es gibt sie. Die Sonne in der Spätschicht.
Bei Günter kann ein verblichener Schlüsselanhänger eine ganze Berufslaufbahn hervorholen. Ein altes Foto öffnet für einen Moment die Tür zu einer vergangenen Liebe. Und ein englisches Wort wird zum kleinen Wissenstest für die Bäckereifachverkäuferin seines Vertrauens.
Ich weiß nicht, was Günter beim nächsten Mal aus seiner Tasche ziehen wird.
Aber ich weiß, dass es dazu eine Geschichte geben wird.
Eine, die man nicht googeln kann.
Eine von vielen.
Eine von Günter.
MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen – und dazwischen gibt es die eine oder andere Backstory aus unserer kleinen, feinen Landbäckerei. Achja, und ich mag Franzbrötchen, die auch beim zweiten Biss nicht gleich auseinanderfallen. Hauptsache schön sabschig.


