Wenn Kunden ihr Haustier mitbringen, um Brötchen zu kaufen – und es kein Hund ist … dann ist das kein gewöhnlicher Bäckereibesuch, sondern eine tierisch gute Geschichte aus unserer Bäckerei.
Es war ein Freitag im August.
Einer dieser Sommertage, an denen die Luft schon am Nachmittag nach warmem Asphalt, Staub, Sonnencreme und Feierabend riecht. Im Laden war es ruhig genug, um kurz durchzuatmen – aber nicht ruhig genug, um damit zu rechnen, dass gleich ein Shetlandpony vor der Bäckerei steht.
Aber genau so kam es.
An diesem Freitag kam Jana.
Und dieses Mal kam sie nicht allein – wie sonst – nach ihrer Arbeit in einem Waldkindergarten. Sie erzählte mir auch nichts vom Pferd – wie so oft, wenn wir uns sehen.
Nein.
Sie brachte Kristin mit, eine Freundin.
Und Zwergi.
Ihr schwarzes Shetlandpony.
Denn wer braucht schon ein Auto, wenn man auch stilvoll auf vier Hufen Brötchen holen kann?
Ganz so war es natürlich nicht.
Jana kenne ich schon eine ganze Weile.
Jana ist so ein Mensch, bei dem man nie genau weiß, ob sie gleich nur einen Kaffee bestellt oder nebenbei noch drei Termine, zwei Reitstunden und eine Wetterlage im Kopf sortiert. Sie kommt nicht einfach in die Bäckerei. Sie ist plötzlich da. Meistens mit guter Laune, manchmal mit Pferdehaaren an der Kleidung und fast immer auf dem Sprung zur Koppel.
Sie ist Erlebnispädagogin und Reitlehrerin – und eine echte Ureinwohnerin unseres Dorfes. Aufgewachsen hinterm Schüberg, zwischen Feldern, Wäldern und dem Duft frischer Brötchen. Natürlich aus unserer Bäckerei.
Nachmittags ist Jana meistens auf der Koppel – bei ihren Islandpferden, ihren Litrikir hestar.
Litrikir hestar ist Isländisch und bedeutet „bunte Pferde“. Ein Begriff, der perfekt zu Janas bunter Herde passt.
Denn Janas Leben ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Ponyhof.
Ein bunter Ponyhof.
Andere machen Marketing. Bei uns steht ein Pony vor der Tür.
Jana war übrigens eine der Ersten, die ich kennenlernte, als ich neu im Laden war.
Sie war hocherfreut, dass wir nach drei langen Jahren endlich wieder nachmittags geöffnet hatten – nach einer Zeit, in der sie auf eine andere Bäckerei ausweichen musste.
Ihr wisst schon: die mit dem Podcast, dem Franz-Merch und dem Umweg auf dem Weg zur Pferdekoppel – mehr dazu erzähle ich in Backstory #2 über das Franzbrötchen, das erst noch gebacken werden musste.
Das waren harte Jahre für Jana.
Aber seit unser Laden wieder nachmittags geöffnet ist, schaut sie regelmäßig vorbei. Und nicht nur das: Sie schickt auch die Eltern der Kinder, die bei ihr Reitunterricht nehmen, zu uns in die Bäckerei.
Dafür lieben wir sie noch ein bisschen mehr.
Andere brauchen Kampagnen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei uns reicht manchmal ein schwarzes Shetlandpony vor der Tür. Kein Redaktionsplan. Kein Radiospot. Kein Claim. Nur Zwergi, vor der Bäckerei, als wäre das völlig normal.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Manche Geschichten entstehen nicht, weil man sie plant. Sie stehen plötzlich vor der Tür. Mit Mähne.
Jana, Kristin und Zwergi kaufen ein
Weil ich meine Stammkunden kenne, weiß ich sofort, womit ich Jana glücklich machen kann:
Mit einem großen Latte Macchiato zum Mitnehmen – und, ganz wichtig, einem Extraschuss kalter Milch.
Das ist kein Detail. Das ist Stammkundenwissen.
Denn in einer Bäckerei geht es irgendwann nicht mehr nur darum, was jemand bestellt. Es geht darum, dass man weiß, wie jemand seinen Kaffee trinkt, welches Brötchen immer geht und wann ein „wie immer?“ völlig ausreicht.
Doch diesmal war auch Kristin dabei.
Und Zwergi.
Es war heiß. Also griffen die beiden im Vorbeigehen in den Kühlschrank: Eine Bio-Limo für Jana und ein isotonisches Getränk für Kristin – in einer Farbe, die perfekt zu ihren lackierten Fingernägeln passte.
Und die sind wirklich schön.
Natürlich blieb es nicht bei den Getränken.
Ein paar belegte Brötchen wanderten noch in die Tüten. Und natürlich ein, zwei Franzbrötchen.
Man muss ja schließlich bis zum Abend durchhalten.
Auf der Weide. Mit Kindern auf Pferden. Bei Sommerhitze. Und mit Zwergi im Schlepptau.
Draußen wartete Zwergi währenddessen erstaunlich geduldig. Ein schwarzes Shetlandpony vor der Bäckerei. Nicht davor geparkt – das klingt zu technisch. Eher: abgestellt wie ein sehr kleines, sehr selbstbewusstes Verkehrsmittel.
Wer vorbeikam, musste gucken.
Natürlich musste man gucken.
Wann steht schon mal ein Pony vor der Bäckerei?
Kinder schauen anders, wenn ein Pony im Spiel ist. Erwachsene übrigens auch. Nur versuchen Erwachsene meistens so zu tun, als würden sie ganz normal vorbeigehen, während sie innerlich längst denken:
Ist das gerade wirklich ein Pony?
Ja.
War es.
Die Sache mit dem Bargeld
Als es ans Bezahlen ging, passierte das, was bei Jana immer passiert:
Ganz lässig zog sie einen dicken Packen Geldscheine aus der Hosentasche.
Man könnte fast meinen, sie hätte ein lukratives Zweitbusiness als Geldeintreiberin auf dem Kiez.
Aber nein – Jana gibt Reitunterricht. Und viele Eltern zahlen die Reitstunden eben noch ganz klassisch: bar auf die Hand.
Kristin und ich können uns jedes Mal ein Grinsen nicht verkneifen. Besonders, wenn Jana dann an manchen Tagen auch noch mit dem dicken Auto ihres Mannes vorfährt.
Dann ist das Bild komplett.
Einmal hatte ich einen Kunden im Laden, der mir einen großen Geldschein hinhielt, den ich nicht wechseln konnte. In genau diesem Moment betrat Jana die Bäckerei.
Ich rief ihr zu:
„Kannst du mal eben 100 Euro wechseln?“
Und natürlich konnte Jana.
Jana kann immer wechseln.
Zumindest fühlt es sich so an.
Vielleicht ist sie keine Geldeintreiberin. Aber als mobile Wechselstube wäre sie absolut glaubwürdig.
Und Zwergi?
Zwergi wartete währenddessen weiter draußen.
Geduldig.
Gelassen.
Ein bisschen so, als hätte er schon viele Dinge gesehen und als würde ihn eine Bäckerei nun wirklich nicht aus der Ruhe bringen.
Vielleicht war er sogar der professionellste von uns allen.
Während drinnen Getränke, belegte Brötchen, Franzbrötchen und Geldscheine über die Theke gingen, stand draußen dieses kleine schwarze Pony und machte aus einem ganz normalen Freitagnachmittag eine Geschichte.
Keine große Inszenierung. Kein Event. Kein „tierischer Aktionstag“ mit Plakat und Anmeldung.
Nur Jana. Kristin. Zwergi. Und eine Bäckerei, die für ein paar Minuten aussah wie die Kulisse eines sehr norddeutschen Kinderbuchs.
Und dann kam der Abschied.
Jana und Kristin machten sich wieder auf den Weg. Die Getränke waren verstaut, das Proviant für später auch, die Franzbrötchen sowieso. Zwergi war bereit.
Naja.
Fast.
Denn Zwergi hinterließ uns zum Schluss noch ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk vor der Bäckerei.
Kein Witz.
Einen kleinen Haufen.
Man kann jetzt sagen: Das gehört dazu.
Man kann auch sagen: Wer mit Pony einkaufen geht, bringt eben nicht nur Gesprächsstoff mit.
Und so endete dieser Bäckereibesuch nicht mit einem klassischen „Schönen Tag noch“, sondern mit einem Haufen vor der Tür und einer Geschichte, die seitdem immer wieder erzählt werden kann.
So ist das bei uns:
Manche kommen mit Hund. Manche mit Kind. Jana kam mit Zwergi.
Und Zwergi hinterließ nicht nur Eindruck.
MOIN ❤️ Hier schreibt Yvonne. Ich verbinde Publishing, Sprachen und digitale Barrierefreiheit. In meinem Journal schreibe ich über gute Kommunikation, kluge Strukturen und die kleinen Beobachtungen dazwischen. Ich mag meine Arbeit in der Bäckerei, Kundinnen mit Geschichten und Tiere, die vor der Tür warten, als wäre das alles völlig normal. Hauptsache, alle haben Spaß.


